Robert Menasse: Die Hauptstadt

26. Dezember 2017

Ja, es ist schick, die Europäische Union für überflüssig und lästig zu halten. Überall in Europa sind in den letzten Jahren Parteien entstanden, die der Nation wieder zu ihrem angestammten Recht verhelfen wollen und Brüssel für jede große und kleine Fehlentwicklung verantwortlich machen.  Vielleicht war die Auszeichnung von Robert Menasses Roman mit dem Deutschen Literaturpreis 2017 auch eine politisch motivierte, nicht nur eine an der literarischen Qualität orientierte Entscheidung. Aber das Buch ist keine vordergründige historische Abhandlung oder Streitschrift, sondern ein mal unterhaltsamer, mal sehr ernster Roman, in dessen Figuren die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert in all ihrer Tragik und mit aller ihr innewohnenden zerstörerischen Kraft aufscheint.

Offensichtlich hat Menasse sich sehr intensiv mit der Eurokratie in Brüssel beschäftigt. Dort begegnen uns nicht ausschließlich sympathische Menschen, sondern auch solche, die nur an ihrer Karriere interessiert sind und mit einem großen Maß von Zynismus zu Werke gehen. Lobbyismus und europäische Thinktanks bekommen zudem ihr Fett ab. Der Schreiber dieser Zeilen hat ein wenig Einblick in den Brüsseler Betrieb nehmen dürfen (bzw. müssen). Zurück geblieben ist, ähnlich wie bei Menasse, ein kritischer Blick, der aber nie dazu geführt hat, die historische Bedeutung des Projekts der europäischen Einigung in Frage zu stellen.

Menasses Hauptbotschaft ist deshalb auch, daran zu erinnern, aus welchem Geist die Union entstanden ist. Nämlich der Erkenntnis, dass es der Nationalismus war, der Zerstörung und Tod über die Menschen in Europa gebracht hat. Dass es also eine Wiederholung der alten Fehler wäre, dahin zurückzukehren. Ja, es gibt sie, die negativen Seiten der europäischen Bürokratie und der langwierigen politischen Einigungsprozesse. Aber daraus den Schluss zu ziehen, dass Europa überflüssig sei und wir dem Vorbild des Vereinigten Königreichs folgen und die Gemeinschaft auflösen sollten, wäre ein Fehler, der uns alle in noch viel größeres Unglück stürzen würde.

Deshalb ist der am Ende auftauchende Vorschlag des Wiener Professors Erhard, die künftige Hauptstadt Europas in Auschwitz zu bauen, zwar sicher nur ein großes und skandalträchtiges Gedankenexperiment. Doch er führt auf den Ursprung der Union zurück und erinnert daran, was wir eigentlich nie wieder erleben wollten.



« Zur Übersicht