Säntis

29. August 2018

Säntis

Ende der 50er Jahr war der Bodensee unser erstes Urlaubsziel. Noch nicht mit dem eigenen Auto, sondern mit dem Bus, fuhr die ganze Familie für zwei Wochen nach Fischbach. Vielleicht deshalb haben der See und die ihn umgebende Landschaft bis heute ihre besondere Anziehungskraft nicht verloren. Auch wenn ein wachsender Strom von Touristen ihn in den letzten Jahre in immer rascherem Tempo verändert hat.

Immer, wenn wir morgens in Strandbad aufgebrochen sind, war eine der wichtigsten Fragen: Kann man heute den Säntis sehen? Und die Begeisterung war groß, wenn er schemenhaft oder zum Greifen nah auf der anderen Seite des Sees, in der Schweiz, auftauchte.

In diesem August bin ich wieder einmal für einige Tage am Bodensee, der in diesem Jahr Spuren des heißen Sommers zeigt. Der Uferstreifen liegt überall frei, und die Badenden müssen weit in den See, wenn sie schwimmen wollen. Tagsüber ist die Hitze meist unerträglich. Der Säntis hat sich die meiste Zeit im Dunst versteckt, und ich habe ihn nur selten sehen können.

In einem schmalen Bändchen mit Bodenseegedichten von Annette von Droste-Hülshoff fand ich mehrere Gedichte, in denen sie den Säntis auch als ihren Sehnsuchtsberg beschreibt. Das Folgende  könnte an einem ähnlich heißen Sommertag entstanden sein:

 

Sommer

Du gute Linde, schüttle dich!

Ein wenig Luft, ein schwacher West!

Wo nicht, dann schließe dein Gezweig

So recht, dass Blatt an Blatt sich presst.

 

Kein Vogel zirpt, es bellt kein Hund;

Allein die bunte Fliegenbrut

Summt auf und nieder überm Rein

Und lässt sich rösten in der Glut.

 

Sogar der Bäume dunkles Laub

Erscheint verdickt und atmet Staub.

Ich liege hier wie ausgedorrt

Und scheuche kaum die Mücken fort.

 

O Säntis, Säntis läg‘ ich doch

Dort – grad‘ an deinem Felsenjoch,

Wo sich die kalten, weißen Decken

So frisch und saftig drüben strecken,

Viel tausend blanker Tropfen Spiel:

Glücksel’ger Säntis, dir ist kühl!

 

 

Annette von Droste-Hülshoff: Am Bodensee – Meersburger Gedichte. Klöpfer und Meyer Tübingen, 2012.



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